EhrlichesUnschönes

Geld stinkt nicht

Geld stinkt nicht – Schon mein Großvater gab mir diese überaus wertvolle Weisheit mit auf meinen Lebensweg.
Am heutigen Tage allerdings verhielt ich mich als würde es zum Himmel stinken. Vielleicht waren es aber auch die ungewöhnlich duftenden Umstände meiner Begegnung in der Paderborner Innenstadt, die mich erstmals an diesem Grundsatz zweifeln ließen.

Gerade auf dem Weg zum Ohrenarzt, seit 30 Minuten um den Parkplatz kreisend wie ein Aasgeier (immer Grönemeyers „Ich drehe schon seit Stunden hier so meine Runden.“ im Kopf), das Auto doch irgendwann geparkt, einen Schein gezogen und endlich in Richtung des nahenden Termins, sah ich ein Pärchen auf mich zu spazieren.

Die Dame vollverschleiert, der Herr vom Typ sehr südlicher Dönerverkäufer. Schon von weitem streckte mir der Mann etwas rechteckiges entgegen. Mein erster Gedanke natürlich: Oh Gott nein, jetzt musst du auch noch Selfies bzw. Fremdies von „Antragstellern auf Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz“ machen! *Uff, das war wohl die einzig politisch korrekte Formulierung* Als mich der vermeintlich Leistungsbeantragende dann „ansprach“ merkte ich sehr schnell, dass es sich bei dem mutmaßlichen Smartphone um eine Geldbörse und bei seinem Wunsch wohl doch nicht um eine Fotografie für die daheim Gebliebenen handelte. Mir quollen fast die Augen über beim Anblick einer derart prallen Geldbörse. Ein echt fetter Batzen an Scheinen befand sich darin.

Der aus seinem Heimatland ausgereiste Neubürger wollte mir jetzt unbedingt und mit aller Macht das in Leder gehüllte Geldschein-Paradies in die Hand drücken. Und hier wich ich zu allerersten Mal von meines Großvaters Weisheit ab. Irgendetwas sagte mir: Matze, da stimmt was nicht. Geh weiter. Nimm das Ding nicht in die Hand. (So attraktiv war die Dame nicht – ich meine das Portemonnaie)

Und dies tat ich auch. Nachdem das Paar wenige Schritte weiter gelaufen war fiel mir auf, dass die Angelegenheit für die beiden wohl plötzlich doch nicht mehr so wichtig war. Der noch wenige Sekunden zuvor wild gestikulierende Mann würdigte mich bereits keines Blickes mehr und steckte die Börse kurzzeitig wieder in seine Hosentasche. Ein Notfall konnte es also nicht gewesen sein. Uh, jetzt war ich schon beruhigter. Nochmals 20 Sekunden später sprach er bereits den nächsten Bürger an. Wie die Sache diesmal ausgegangen ist… Keine Ahnung.

Ich bin wirklich beruhigt, mehrmals pro Woche ganz neutral und unabhängig durch die Presse über ehrliche Finder informiert zu werden, die schusseligen Einheimischen helfen, ihr auf dem Weg zum Aldi verloren gegangenes Gesamtvermögen wiederzubeschaffen.  Hoffentlich hören wir bald schon in den lokalen oder auch überregionalen Medien vom heutigen vorbildlichen, ehrlichen Antragsteller, der ganz zufällig zigtausend Euro auf der Strasse gefunden und diese dann unter Zuhilfenahme eines ortskundigen Einheimischen zur nächstgelegenen Polizeiwache, alternativ regelmäßig auch zum Rathaus,  gebracht hat. Endlich mal was Positives aus der Provinz.

Als Kind hat mir meine Mutter jeden Abend Märchen vorgelesen. Das war toll. Die neumodischen Legenden mag ich hingegen gar nicht. Keine Ahnung weshalb. Oder doch: Ich habe mittlerweile einen ziemlich gut funktionierenden Kopf zum Denken. Diesen nutze ich gerne und hinterfrage daher, aus welchem Grund sich der Wolf verstellt und schminkt um sich anschließend in Großmutters gemachtes Bett zu legen.

Rückblickend stellt sich mir die Frage: Hätte ich mich doch unter Zuhilfenahme meiner Arme und Beine, höflich gestikulierend mit Angela Merkels Gästen „unterhalten“, das Ding interessiert betrachten und dann einfach mit der Kohle wegrennen sollen?
Eine innere Stimme sagte mir jedoch:
1. Du bist zu dick und demzufolge nicht schnell genug für eine solche Aktion.
2. Da standen mit Sicherheit schon ein paar Fotografen und Presseleute um die nächste Ecke. Und die hätten ja ihre bereits perfekt vorformulierte Headline „Ehrlicher Ankömmling findet tausende Euros und gibt sie gesetzeskonform ab.“ sowie den dazugehörigen fix und druckfertigen Artikel dann außerplanmäßig in „Von Einheimischem beklauter Neubürger“ umschreiben müssen.
Nein, die will ich keinesfalls gegen mich aufbringen, das kann nicht gut für mich ausgehen. Daher bin ich froh, meinen Arzttermin gerade noch rechtzeitig geschafft  und nicht den Helden gespielt zu haben.

Vielleicht male ich auch nur den Teufel an die Wand und es handelte sich heute Mittag tatsächlich ganz einfach nur um die ungeschickt geäußerte Bitte nach einer Familienfotoaufnahme für die daheim gebliebenen Kinder und Zweit- bzw. Drittfrauen. Wer weiß schon – möglicherweise sind Smartphonehüllen in Geldbörsenform auf anderen Kontinenten gerade der Megatrend . . .

 

 


 

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