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Schutt und Asche

Schutt und Asche: Gedächtnis- und Gedankenprotokoll zum 01.05.2017

„Wach auf. Hier brennt irgendwas!“
Unsanft werde ich von Frau P. aus dem Schlaf gerissen. Meine Gedanken bewegen sich zwischen ´Du und Deine überempfindliche Nase – lasst mich in Ruhe weiter schlafen´ und ´Irgendwie hat sie recht, es stinkt und ich sollte wach werden.´

Ich begebe mich zum Fenster und registriere Funkenflug sowie den Geruch nach Lagerfeuer. Ich öffne das Fenster und lausche dem Knistern. Das alles hat etwas beruhigendes und romantisches. Vom Fenster aus betrachtet wirkt die Szenerie angenehm. Ich schaue gerne zu. Stille – absolute Ruhe. Die Funken vermehren sich, die Flammen werden größer. Es wird warm und wärmer am Fenster. Ich muss husten und bekomme von Sekunde zu Sekunde weniger Luft. Hustenreiz, Übelkeit. Irgendwie scheint mehr als nur ein Lagerfeuer zu brennen. Es wird unangenehm heiß, ich muss weg vom Fenster. Und noch immer wirkt die unheimliche Stille anziehend auf mich.

Dann kommt die Erkenntnis: Es brennt!
Und eine weitere unmittelbar danach: Zu ruhig und passiv ist die vorherrschende Stille nun. Die Nachbarn, deren Haus in Flammen steht sind bislang nicht an unserem Fenster vorbei gerannt.
„Ruf drüben an. Die müssen da raus!“ Jetzt ist auch meine Frau in Alarmbereitschaft und greift zum Handy. Außerdem alarmiert sie wohl noch die Feuerwehr – glaube ich….
Ich überlege komischerweise noch in aller Seelenruhe ob es sinnvoll ist frische Unterwäsche aus dem Schrank zu holen und anzuziehen.
Aus dem Hörer vernehme ich nebenbei „Wir wissen nicht wie wir hier raus kommen sollen.“
Blackout…..

Ich fordere Frau P. auf, das Haus mit mir zu verlassen. Wir versuchen es durch den Vordereingang. Zu heiß, viel zu viele Flammen! Also durch den Garten. Atmen ist nur sehr schwer möglich. Husten, Übelkeit. Irgendjemand ruft Frau P. noch zu „Lauf Mädel, lauf!“.
Ich renne zum Auto um die Zufahrt für die Feuerwehr zu erleichtern und gleichzeitig ganz weit weg zu kommen. Wo ist Frau P.? Da entdecke ich sie. Sie läuft und läuft. Immer weiter ohne anzuhalten Richtung Wald. Ich fordere sie auf, ins Auto zu steigen. Sie reagiert nicht. Als ich endlich mit meiner Frau auf die Hauptstraße biege kommt uns bereits die erste Feuerwehr entgegen. Unendlich spät wie es scheint.
Ich überlege und weiß eigentlich gar nicht weshalb und vor allem wohin ich so schnell unterwegs bin. Ich halte am Straßenrand an. Wir haben freien Blick auf das lichterloh brennende Nachbarhaus. Und von einer Sekunde auf die andere sind plötzlich Gitter und Streben zu erkennen. Als wenn die Häuser nur von Papier umhüllt wären, das mit einem Windhauch verpuffte.
Frau P. bricht zusammen. Sie steht unter Schock. Mein einziger  Gedanke: „Weshalb hast du keine frische Unterwäsche angezogen? Du kannst doch am Montag nicht in deiner Schlafanzughose zur Arbeit gehen.“
Absurd.

Nach unbestimmter Zeit befinden wir uns plötzlich am Ort des Geschehens wieder. Keine Ahnung wie und weshalb.
Die Polizei befragt mich. Name, Geburtsdatum, Name der Frau, deren Geburtstag. Ich weiß es nicht und ich komme mir dumm dabei vor.
Die Nachbarn und Rettungswagen versorgen Beteiligte mit Decken. Mir ist eiskalt aber ich spiele den Starken. Ich benötige keine Decke. Ich habe einen unendlich trockenen Hals und wahnsinnigen Durst.
Die Feuerwehr hat inzwischen unsere Tür eingetreten. Wohl um uns zu retten. Niemand hat uns aus dem Haus rennen sehen. Daher verständlich. Mittlerweile fliegen Ziegel herunter, man deckt das Dach ab um von oben löschen zu können.
Blackout…..

Nächster Morgen
Ich wache auf dem Sofa meiner Schwiegereltern auf.
Ach ja – das Feuer. Wir müssen so viel klären. Wie viel steht noch vom Haus? Was ist noch zu retten? Dürfen wir rein? Muss ich morgen im Schlafanzug zur Arbeit?
Als der Schlüsseldienst unsere Tür dann geöffnet hatte, waren die Spuren des nächtlichen Einsatzes unübersehbar. Gespenstische schwarze Fußabdrücke vom Eingang die Treppe nach oben. Hier direkt zum Bett und zu meinem Kopfkissen. Von dort aus zum Kleiderschrank. Dessen Türen waren aus den Angeln gehoben. Kopfkino!

Stundenlange Putzaktionen mit der Familie. Körbe von Wäsche wurden verteilt und sauber zurück gebracht.

Alles in Allem dürfen wir uns glücklich schätzen, dass wir gesund sind. Unser Hab und Gut ist großteils unbeschadet. Allerdings keineswegs sauber. Aber egal. Die Versicherung wird schon aufkommen und alles regeln.

 

PS: Ich erinnere mich Tage später an meine Dashcam im Auto. Beim Betrachten der Videos läuft mir nochmals ein kalter Schauer über den Rücken. Es hat geschneit in der Nacht zum 1. Mai. Asche. Überall Ascheflocken in der Luft. Noch bis weit auf die Hauptstraße. Erst durch das Betrachten des Videomaterials wird mir bewusst, was in den Morgenstunden zwischen 2:00 und 5:00 alles geschehen sein muss.

 


 

 

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